Herr Leisinger, bei zahlreichen Anbietern gingen die Strom- und Gaspreise in den vergangenen drei Jahren durch die Decke, die Kunden mussten teilweise ein Vielfaches zahlen im Vergleich zur Zeit vor dem Ukrainekrieg. Wie verlief die Entwicklung bei der EAM?
Martin Leisinger: Auch bei uns sind die Einkaufspreise für Energie seinerzeit in die Höhe geschossen. Unser großer Vorteil war aber, dass wir die Energie langfristig für unsere Kunden beschaffen – in der Regel kaufen wir bis zu drei Jahre im Voraus ein, um das Risiko kurzfristiger Preissprünge zu streuen. Als die Krise 2022 ausbrach, konnten wir unsere Strategie anpassen und die Beschaffung eine Zeit lang aussetzen. Wir waren nicht gezwungen, für unsere Kunden um jeden Preis Strom und Gas einzukaufen. So konnten wir dafür sorgen, dass die Preise für unsere Bestandskunden die gesamte Zeit über deutlich unterhalb der Preisbremse geblieben sind.


Energiebeschaffer bei der EAM
Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie Energie einkaufen? Man geht ja nicht in den Supermarkt und legt Energie in den Einkaufswagen.
Leisinger: Unser Einkaufszettel ist unsere Absatzprognose, das bedeutet: Wieviel Strom und Gas benötigen unsere Kunden voraussichtlich zu welchem Zeitpunkt? Und wieviel haben wir bereits eingekauft? Jeden Morgen beobachten wir dann ganz genau die tägliche Marktpreisentwicklung. Dabei gilt immer das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Ist es beispielsweise ein paar Tage deutlich kälter als im langjährigen Mittel und es wird mehr Energie benötigt, kann dies bereits die Märkte durcheinanderwirbeln und die Einkaufspreise in die Höhe treiben. Bekommen wir in diesem Winter eine unerwartete Kälteperiode, könnte das somit auch Auswirkungen auf den heutigen Einkaufspreis für das Jahr 2027 haben. Aus diesem Grund sehen wir uns zum Beispiel auch immer den Wetterbericht für die nächsten Tage an, um die Entwicklung möglichst genau beurteilen und steigenden Einkaufspreisen vorzubeugen zu können.

Und wie läuft dann konkret der Einkauf ab?
Leisinger: Wir haben einen Beschaffungsdienstleister, der die Energie für uns einkauft. Auf unseren Auftrag hin besorgt dieser die von uns gewünschte Menge an Strom und Gas – bei Strom sind das in der Regel 8,76 Millionen Kilowattstunden. Damit decken wir den sukzessiven Bedarf unserer Kunden ein. Wenn der tatsächliche Lieferzeitpunkt dann näher rückt, wird die bereits eingekaufte Menge an den erwarteten Verbrauch der Kunden angepasst und durch kleinteiligere Zu- und Verkäufe angepasst. Demnächst werden wir damit beginnen, bereits einen Teil der benötigten Energie für das Jahr 2028 einzukaufen. So streuen wir das Risiko und beugen unvorhersehbaren Preissteigerungen wie nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor.
Machen das nicht alle Energielieferanten so?
Leisinger: Keineswegs. Es gibt eine Vielzahl sogenannter „Discounter“, die ihren Strom kurzfristig an der Strombörse einkaufen und ihren Kunden besonders günstige Preise anbieten. Steigen dann die Preise an der Börse, können die Discounter schnell in eine wirtschaftliche Schieflage geraten und müssen die Strompreise für die Kunden massiv erhöhen. Im schlimmsten Fall meldet ein Lieferant dann sogar Insolvenz an. Bereits gezahlte Abschläge sind dann häufig futsch.
Wie werden sich die Energiepreise in der nächsten Zeit entwickeln – hat sich der Markt wieder normalisiert?
Leisinger: In den vergangenen Monaten sind die Einkaufspreise für Energie wieder gesunken – allerdings liegen sie immer noch deutlich über dem Niveau von vor der Energiekrise. Es gibt leider keine Glaskugel, um die Entwicklung vorherzusagen – dazu gibt es viel zu viele Einflussfaktoren und tagesaktuelle Entwicklungen, die stetig aufs Neue analysiert und berücksichtigt werden müssen. Und dann gibt es unvorhersehbare Ereignisse wie die Coronakrise oder den Krieg in der Ukraine, die niemand vorausgesehen hat. Welchen Einfluss hat die Präsidentschaft von Donald Trump auf die Märkte? Wie könnte sich eine weitere Eskalation in Nahost auswirken? Wir wissen es einfach nicht. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass wir als EAM vorausschauend handeln und langfristig die Energie für unsere Kunden beschaffen. Das sind wir ihnen und auch unseren Anteilseignern als kommunaler und verantwortungsbewusster Energieversorger schuldig.
Vielen Dank für das Gespräch.

Martin Leisinger hat Elektrotechnik mit Schwerpunkt Energietechnik in Kaiserslautern studiert. Seit 1993 ist der 58-Jährige bei der EAM tätig und verantwortet seit 2014 die Energiebeschaffung der Vertriebsgesellschaft EAM-Energie und weiterer EAM-Tochtergesellschaften. Martin Leisinger ist verheiratet und hat zwei Söhne aus erster Ehe. Als leidenschaftlicher Fan des 1. FC Kaiserslautern ist er gelegentlich im Fußballstadion auf dem Betzenberg zu treffen. Als großer Musikliebhaber sitzt er zudem regelmäßig bei Gottesdiensten an der Kirchenorgel.





