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Der Überfall Russlands auf die Ukraine vor drei Jahren löste in Deutsch­land und Europa eine Energie­krise aus, die in ihrem ge­samten Aus­maß nicht vor­her­zusehen war. Die Folge waren massiv stei­gen­de Preise für Strom und Gas, welche die Energie­ver­sor­ger, Unter­nehmen und Privat­haus­halte vor immense Heraus­forder­ungen stellten.

Im Interview erklärt Martin Leisinger, ver­ant­wort­licher Energie­beschaffer bei der EAM, warum Strom- und Gas­kunden des kommunalen Energie­versorgers weniger von der Krise be­troffen waren als viele Kunden anderer Energie­lieferanten. 

Herr Leisinger, bei zahl­rei­chen An­bie­tern gingen die Strom- und Gas­preise in den ver­gangenen drei Jahren durch die Decke, die Kunden mussten teil­weise ein Viel­faches zahlen im Ver­gleich zur Zeit vor dem Ukraine­krieg. Wie ver­lief die Ent­wicklung bei der EAM?

Martin Leisinger: Auch bei uns sind die Ein­kaufs­preise für En­ergie seiner­zeit in die Höhe ge­schos­sen. Unser gro­ßer Vor­teil war aber, dass wir die Ener­gie lang­fris­tig für unsere Kun­den be­schaffen – in der Regel kaufen wir bis zu drei Jahre im Vor­aus ein, um das Risiko kurz­frist­iger Preis­sprünge zu streuen. Als die Krise 2022 aus­brach, konnten wir unsere Stra­te­gie an­pas­sen und die Be­schaf­fung eine Zeit lang aus­setzen. Wir waren nicht ge­zwungen, für unsere Kunden um jeden Preis Strom und Gas ein­zu­kaufen. So konnten wir dafür sor­gen, dass die Preise für unsere Be­stands­kunden die ge­samte Zeit über deutlich unter­halb der Preis­bremse ge­blie­ben sind.

Lächelnder Mann in weißem Hemd sitzt am Schreibtisch vor einem Computer, mit einer entspannten Haltung.
Porträt eines lächelnden Mannes mit Brille, grauen Haaren und einem dunkelblauen Blazer in einem modernen Innenraum.
Martin Leisinger
Energie­beschaffer bei der EAM

Wie kann man sich das vor­stel­len, wenn Sie En­er­gie ein­kauf­en? Man geht ja nicht in den Su­per­markt und legt En­er­gie in den Ein­kaufs­wagen.

Leisinger: Unser Einkaufs­zettel ist unsere Ab­satz­prog­no­se, das be­deu­tet: Wie­viel Strom und Gas be­­tigen unsere Kunden vor­aus­sicht­lich zu wel­chem Zeit­punkt? Und wie­viel haben wir be­reits ein­ge­kauft? Jeden Mor­gen be­ob­achten wir dann ganz genau die täg­liche Markt­preis­ent­wick­lung. Dabei gilt im­mer das Prinzip von An­gebot und Nach­frage. Ist es bei­spiels­weise ein paar Tage deut­lich kälter als im lang­jährigen Mittel und es wird mehr En­er­gie be­nötigt, kann dies be­reits die Märkte durch­ein­an­der­wirbeln und die Ein­kaufs­preise in die Hö­he trei­ben. Be­kom­men wir in diesem Winter eine un­er­war­te­te Kälte­periode, könnte das somit auch Aus­wir­kun­gen auf den heu­tigen Ein­kaufs­preis für das Jahr 2027 ha­ben. Aus diesem Grund sehen wir uns zum Bei­spiel auch immer den Wetter­bericht für die nächsten Ta­ge an, um die Ent­wick­lung möglichst genau be­ur­tei­len und stei­gen­den Ein­kaufs­prei­sen vor­zu­beugen zu können.  

Person betrachtet zwei Computerbildschirme mit Datenanalysen und Grafiken zu Energiemärkten. Schreibnotizen sind sichtbar.

Und wie läuft dann konkret der Einkauf ab? 

Leisinger: Wir haben einen Beschaffungs­dienst­leister, der die Ener­gie für uns ein­kauft. Auf un­se­ren Auf­trag hin be­sorgt dieser die von uns ge­­wünsch­te Menge an Strom und Gas – bei Strom sind das in der Regel 8,76 Millionen Kilo­watt­stunden. Damit decken wir den suk­zessiven Be­darf unserer Kun­den ein. Wenn der tat­säch­liche Liefer­zeit­punkt dann nä­her rückt, wird die be­reits ein­ge­kaufte Menge an den er­war­teten Ver­brauch der Kunden an­ge­passt und durch klein­teiligere Zu- und Ve­rkäufe an­ge­passt. Dem­nächst werden wir damit be­gin­nen, be­reits einen Teil der be­­tigten En­ergie für das Jahr 2028 ein­zu­kau­fen. So streu­en wir das Risiko und beugen un­vor­her­seh­baren Preis­steige­rungen wie nach dem Über­fall Russlands auf die Ukraine vor. 

Machen das nicht alle Energie­lieferanten so?

Leisinger: Keines­wegs. Es gibt eine Viel­zahl so­genan­nter „Discounter“, die ihren Strom kurz­fris­tig an der Strom­börse ein­kauf­en und ihren Kun­den be­son­ders günstige Preise an­bieten. Stei­gen dann die Prei­se an der Bör­se, kön­nen die Dis­coun­ter schnell in eine wirt­schaft­liche Schief­lage ger­aten und müs­sen die Strom­preise für die Kunden mas­siv er­höhen. Im schlimm­sten Fall mel­det ein Lieferant dann sogar Insol­venz an. Be­reits gezahlte Ab­schläge sind dann häufig futsch. 

Wie werden sich die Energie­preise in der nächs­ten Zeit ent­wickeln – hat sich der Markt wieder normalisiert? 

Leisinger: In den ver­gangenen Mo­na­ten sind die Ein­kaufs­preise für En­er­gie wieder ge­sunken – aller­dings lie­gen sie im­mer noch deut­lich über dem Niveau von vor der Energie­krise. Es gibt leider keine Glas­kugel, um die Ent­wick­lung vor­her­zu­sagen – dazu gibt es viel zu viele Ein­fluss­fak­toren und tages­aktuelle Ent­wick­lungen, die ste­tig aufs Neue ana­ly­siert und be­rück­sich­tigt wer­den müssen. Und dann gibt es un­vor­her­seh­bare Er­eig­nisse wie die Co­ro­na­krise oder den Krieg in der Ukraine, die nie­mand vor­aus­ge­se­hen hat. Wel­chen Ein­fluss hat die Prä­si­dent­schaft von Donald Trump auf die Märkte? Wie könnte sich eine weitere Es­ka­la­tion in Nah­ost aus­wir­ken? Wir wis­sen es ein­fach nicht. Aus die­sem Grund ist es um­so wich­tiger, dass wir als EAM vor­aus­schau­end han­deln und lang­fris­tig die En­er­gie für un­sere Kun­den be­schaf­fen. Das sind wir ihnen und auch un­se­ren An­teils­eignern als kom­mu­na­ler und ver­ant­wort­ungs­be­wus­ster En­er­gie­ver­sor­ger schuldig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Lächelnder Mann in einem blauen Anzug, der an einem Handlauf steht, im Hintergrund ein moderner Raum.

Martin Leisinger hat Elektro­tech­nik mit Schwer­punkt En­er­gie­technik in Kaisers­lautern stu­diert. Seit 1993 ist der 58-Jährige bei der EAM tätig und ver­ant­wor­tet seit 2014 die Energie­be­schaffung der Vertriebs­gesell­schaft EAM-Ener­gie und wei­terer EAM-Tochter­gesell­schaf­ten. Martin Lei­singer ist ver­hei­ratet und hat zwei Söhne aus erster Ehe. Als lei­den­schaft­licher Fan des 1. FC Kaisers­lautern ist er ge­legent­lich im Fuß­ball­sta­dion auf dem Betzen­berg zu tref­fen. Als großer Musik­lieb­haber sitzt er zu­dem regel­mäßig bei Gottes­diensten an der Kirchenorgel.  

Lächelnder Mann in Anzug steht an einer Treppe mit Holzgeländer in modernem Gebäude.
Diagramm auf einem Bildschirm zeigt eine Heatmap zur Energieauktion in Deutschland für 2024, mit hervorgehobenen Preisen.