Alles im Fluss
Bunt, bildreich und mit einer klaren Botschaft prangt ein gigantisches Wandbild seit August auf der Fassade des EAM-Umspannwerks in Göttingen. In prominenter Lage thematisiert das Mural – aktuell das größte der Stadt – die Bedeutung intakter Gewässerökosysteme. Allein drei Meter und mehr misst der Hecht, der da unter Wasser seine Zähne zeigt. 38 Meter Länge und acht Meter Höhe hat die gesamte bemalte Fläche. Agatha Czarny, Dennis und Matthias Mau, alle fest verwurzelt in der lokalen Street-Art-Szene, haben die vielfältige Flusslandschaft gemeinsam geschaffen. Wir treffen die drei an Ort und Stelle vor ihrem Werk in der Godehardstraße. Wie arbeiten sie, was treibt sie an, was bringt sie zusammen, möchten wir von ihnen wissen.

„Es war kalt, es hat geregnet – und das mitten im Sommer“, erzählt Agatha Czarny über die acht Tage im August, an denen die Fassade des Umspannwerks zu ihrem Kreativplatz wurde, meist für zwölf Stunden Minimum. „Es gibt Schönwettermaler und solche wie uns, die’s bei jedem Wetter tun und wir mussten fertigwerden. Es war super, zwei Steiger zur Verfügung zu haben. Früher haben wir derartige Flächen noch mit Leitern bearbeitet“, ergänzt Dennis Mau. Sprache und Werte der Street Art beherrscht er wie die anderen seit seiner Jugend. Malen oder „Mullern“, wie man in Berlin sagt, bezeichnet das Sprühen aus der Sprühdose, lernen wir. Für die 250 Quadratmeter des Umspannwerks haben sie davon rund 250 Stück verbraucht, die Vorbereitung geschah mit Wandfarbe und Rollen.
Uns fällt auf: Obwohl hier drei Künstlerpersönlichkeiten mit jeweils eigenen Ausdrucksformen an der Arbeit waren, sind in dem gemeinsamen Bild keine stilistischen Brüche zu erkennen. Wie ist das möglich? „Teamwork“, sagt Matthias Mau, „ist ein wesentliches Schlüsselelement der Graffitikultur, das von Anfang an geübt wird. Häufig arbeiten wir zu mehreren an einem Projekt. Da ist es gefragt, dass man sich untereinander abspricht, auch mal einen Schritt zurückgeht, sich selbst nicht immer so breit macht und schaut, wie man miteinander zum Ziel kommt. Außerdem kennen wir uns schon ewig, sind in derselben Freundesgruppe oder Crew, wie das bei uns heißt, und haben schon viel zusammen gemalt.“ Weit bevor die Sprühdosen ausgepackt werden, ist es also ganz normal, ein kollektives Vorhaben sehr ausgiebig zu besprechen, visuelle Ideen zu verbalisieren und den anderen mitzuteilen – eine Kunst, die ebenfalls gelernt sein will!


Um die Geschichte eines Gewässers mit viel Licht- und einigen Schattenseiten zu erzählen, verständigte sich das Künstler-Trio auf eine illustrative, weitgehend naturgetreue Darstellung von Flora und Fauna, akzentuiert durch Outlines um einzelne Elemente und Figuren. Das vorbereitende Feilen und Tüfteln an den Details, die Gespräche mit den Initiatoren des Projekts und die Organisation der Wandfläche brauchten vermutlich genauso lange wie die finale Ausführung, schätzt Agatha Czarny und betont: „Trotz großer Genauigkeit bleibt die Vorlage für uns aber eine Orientierung. Wir malen freihand – alles muss vom Kopf durch die Hand an die Wand. Vieles entsteht ebenso während der Umsetzung.“
Los ging es übrigens ganz profan mit dem Besen in der Hand, mit dem sie die Fassade des EAM-Umspannwerks von Schmutz befreiten, auch das gehört dazu. Fürs Malen wurden dann meist wechselnde Zweier-Teams gebildet. „Einer beginnt, ein anderer fügt etwas hinzu – wenn das fließt, ist das Malen wie ein Spiel“, beschreibt Matthias Mau den Prozess. Wie lernt man eigentlich, Formate dieser Größe zu bewältigen? „Durch Machen“, lacht sein Bruder Dennis, „das entwickelt sich mit der Zeit, so ein Blick.“

Hat sich die Anerkennung für Street Art in der Gesellschaft genauso entwickelt? Seit jener Zeit vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, als die drei erstmals in das Genre eintauchten, habe sich viel entwickelt, erzählt Dennis Mau. Er glaubt fest daran, dass Graffiti-Kunst Städte neu formen und ihnen Leben einhauchen kann. Dass etwas für sie so rund läuft wie das hier realisierte Projekt, könnten sie dennoch gerne noch öfter haben – und solche Menschen wie einen älteren Herrn, der nach anfänglicher Skepsis nun täglich extra und mit Freude an ihrem Mural vorbeispaziert. Wir von der EAM sagen auf jeden Fall Danke für ein Kunstwerk, das unserem Umspannwerk in Göttingen eine neue Bedeutung gibt.



„Relax, it’s just paint.“
Matthias Mau, 34 Jahre, hat früh seinem älteren Bruder Dennis nachgeeifert, dann aber in Göttingen zunächst einmal Biologie studiert und sich nebenbei der Spraykunst gewidmet. Inzwischen ist er ein in ganz Europa gefragter Künstler bei Events und auf Festivals, im September war er sogar in Malaysia eingeladen. Demnächst will auch er seine Leidenschaft ganz zum Beruf machen. Der Bitterling, ein Fisch, und die Teichmuschel, die in der Natur in einer speziellen Symbiose existieren, sind in dem Mural auf dem EAM-Umspannwerk seine Lieblingstiere.
„Ich liebe meine Freiheit.“
Agatha Czarny, 33 Jahre, startete als 19-Jährige ihre Street-Art-Karriere in Göttingen. Vom professionellen Gelderwerb mit Graffitis aber hat sie sich verabschiedet. Jetzt malt die Künstlerin nur noch das, was ihr Spaß macht oder am Herzen liegt, nach der Arbeit, am Wochenende oder im Urlaub, und genießt die kreative Freiheit. Gefragt nach ihren Favoriten unter den zahlreichen Tieren der bunten Flusslandschaft wählt sie Biber und Libelle.
„Style is the limit.“
Dennis Mau, 39 Jahre, malt und zeichnet seit seiner frühen Kindheit. In der Teenager-Zeit entdeckte er den „Dosensport“, für den in seiner Heimatstadt Karlsruhe sage und schreibe knapp dreißig legale Flächen zur Verfügung stehen. Vor sieben Jahren war er seinem Bruder Matthias, damals Student in Göttingen, hinterhergezogen, seit 2020 arbeitet er selbstständig als freier Graffiti-Künstler und Grafikdesigner. Seine Lieblingstiere auf dem Wandbild: Reiher und Riesenhecht.

Ein wandfüllendes Statement für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Biodiversität
Initiatorin des spannenden Graffiti-Kunstwerks an unserem Umspannwerk in der Godehardstraße in Göttingen ist die Gruppe aquarTisch. Um das Thema Biodiversität in Gewässerökosystemen in die Öffentlichkeit zu bringen, engagierten sie Agatha Czarny sowie Dennis und Matthias Mau und gewannen 2024 mit deren Ideenskizzen zu einem großformatigen Mural den ersten Preis auf dem Jugendkongress der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (BDU). Zwecks einer geeigneten Fläche stellte der Göttinger Kulturverein Musa e. V. den Kontakt zur EAM her, wo man von dem Projekt sofort begeistert war. Im August 2025 schließlich konnte das Street-Art-Trio ihr Bild einer naturbelassenen Flusslandschaft an die Fassade des Umspannwerks zaubern. Gefördert wurde das Projekt unter anderem vom Bundesamt für Naturschutz und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt sowie der Einbecker AKB-Stiftung.
Führungen unter fachkundiger Begleitung zu diesem und weiteren Murals und Graffiti-Kunstwerken in der Stadt bietet das Göttinger Tourismus-Büro an:
www.goettingen-tourismus.de/stadtfuehrungen/graffiti
Künstlerin Agatha Czarny sowie die beiden Künstler Dennis und Matthias Mau geben in Göttingen wiederholt Workshops mit Kindern und Jugendlichen, meist in Kooperation mit dem Kulturverein Musa.


