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Die Zukunft beginnt vor Ort

Der Krieg im Iran hat die Öl- und Gaspreise massiv in die Höhe getrieben. Zugleich hat die Diskussion um den Klimaschutz mit dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen auch in Deutschland eine neue Dynamik entfaltet. Welche Auswirkungen haben die weltweiten Entwicklungen und geopolitischen Veränderungen auf die EAM als verlässlicher Energiepartner in der Region? Wir sprachen mit den beiden Geschäftsführern Olaf Kieser und Hans-Hinrich Schriever, was für Chancen und Risiken sich für den kommunalen Energieversorger ergeben. 

Olaf Kieser
Olaf Kieser

Herr Kieser, lange Zeit galt die Energiewende als politischer Konsens in Deutschland. Zuletzt aber ist wieder mehr Gegenwind zu spüren. Zugleich wächst der Widerstand gegen zentrale europäische Projekte wie das Verbrenner-Aus und den CO2-Preis. War die Energiewende doch ein Fehler?

Olaf Kieser: Nein, ganz im Gegenteil! Der Irankrieg hat uns doch noch einmal deutlich gezeigt, dass wir in unserer Energieversorgung etwas ändern müssen. Wir müssen uns unabhängig von fossilen Energieträgern und anderen Ländern machen. Weg von Öl, Kohle und Gas hin zu einer stärkeren Elektrifizierung von Verkehr und Gebäuden. Solar-, Wind- und andere erneuerbare Energien erhöhen die Unabhängigkeit in Deutschland und reduzieren Abhängigkeiten von unsicheren Energieimporten aus häufig autokratisch regierten Staaten. Das bestätigt unsere konsequent nachhaltige Linie bei der EAM. Unser Ziel muss es sein, die Energiewende weiter voranzutreiben. 

Hans-Hinrich Schriever: In den vergangenen Jahren hat Deutschland im Schnitt rund 80 Milliarden Euro pro Jahr für den Import von Erdöl, Gas und Steinkohle ausgegeben. Strom aus erneuerbaren Quellen ist bereits heute am kostengünstigsten und senkt langfristig die Energiepreise insgesamt. Der Konflikt im Iran hat zu einer spürbaren Verknappung und massiven Kostensteigerung bei Öl und Gas auf den Weltmärkten geführt. Das haben wir auch bei der EAM gespürt. Der Vorteil ist, dass unsere Kunden stets von einer vorausschauenden, langfristig angelegten Beschaffungsstrategie profitieren. In der Regel kaufen wir unsere Energie bis zu drei Jahre im Voraus ein, um das Risiko kurzfristiger Preissprünge möglichst zu minimieren. So konnten wir massive Preissteigerungen wie jetzt im Irankrieg oder auch schon 2022 nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine abfedern und unseren Kunden weiterhin moderate Preise sichern. Heute kann allerdings niemand voraussagen, wie sich die Gas- und Strompreise langfristig entwickeln werden. Auch daher ist es wichtig, die Energiewende voranzubringen. 

Der stetige Ausbau der erneuerbaren Energien müsste doch aber zu kontinuierlich sinkenden Strompreisen führen?

Olaf Kieser: Grundsätzlich ja, aber leider gibt es aktuell noch Marktprinzipien, die dem entgegenstehen: Durch das sogenannte Merit-Order-Prinzip bestimmt das teuerste Kraftwerk, dass zuletzt benötigt wird, um den gesamten Strombedarf zu decken, den Strompreis an der Börse. Dabei handelt es sich meistens um Gaskraftwerke. In Zeiten hoher Nachfrage oder bei einer Gasknappheit treibt dann das teuerste Gaskraftwerk den Strompreis an der Börse für alle Anbieter hoch, auch für günstige Wind- und Solaranlagen. Das ist volkswirtschaftlich nicht sinnvoll und sollte im Sinne einer marktwirtschaftlichen Ausrichtung abgeschafft werden. 

Hans-Hinrich Schriever: Ähnliches gilt für die in Deutschland ausgeprägte Förder-Mentalität, die oft volkswirtschaftlich nicht zielführend ist. Wir plädieren für eine Reduktion von Subventionierungen, die unnötige Kosten verursachen, und für einen Verzicht auf Förderungen insbesondere in den Bereichen, in denen eine Technologie wie die Photovoltaik ausgereift ist. 

Zwei Männer in Anzügen stehen lächelnd in einer großzügigen, modernen Halle mit Galerie und Sitzbereich.

Ein häufiger Kritikpunkt an der Energiewende sind oft die Kosten. Wie soll die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energie finanziert werden? 

Olaf Kieser: Wir müssen ehrlich sein – die Energiewende ist mit Kosten verbunden. Wenn wir allerdings die langfristigen Kosten des Klimawandels, der fossilen Energien und der Atomenergie fair mitberücksichtigen würden, wäre ein Festhalten am aktuellen Energiesystem am Ende sicherlich deutlich teuer. Energie muss langfristig klimaneutral sein, daran führt kein Weg vorbei. Natürlich sind hohe Investitionen für den Umbau hin zu mehr erneuerbaren Energien, intelligenten Netzen und mehr Speichern notwendig. Allein im vergangenen Jahr hat die EAM-Gruppe 161 Millionen Euro investiert, von denen fast drei Viertel in den Ausbau und den Erhalt der Energienetze geflossen sind. 

Wichtig dabei ist: Investoren brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Dazu gehören verbindliche Klimaziele und finanzielle Anreize für Investitionen, die nicht plötzlich wieder von der Politik geändert werden. Der Emissionshandel ist dabei ein wichtiges Steuerungsinstrument für eine nachhaltig ausgerichtete Energiewirtschaft. Wenn sich jedoch alle drei bis vier Jahre die Bedingungen ändern, schreckt das mögliche Investoren verständlicherweise ab. 

Hans-Hinrich Schriever: Unsere Prognose ist, dass unsere Investitionen am Ende wiederum zu technologischen Innovationen, Wettbewerbsvorteilen, Effizienzsteigerungen, regionaler Wertschöpfung und zusätzlichen Arbeitsplätzen führen. Die Energiewende darf keine Belastung für die Wirtschaft sein, sie sollte eine wirtschaftliche Chance für unser Land sein. Sie kann uns helfen, den Klimawandel zu begrenzen und große Chancen für unsere Gesellschaft und Unternehmen mit sich bringen. 

Was macht Sie da so sicher?

Olaf Kieser: Die unglaubliche Dynamik, mit der sich saubere Technologien weltweit verbreiten. Noch nie ist in der Geschichte der Menschheit eine Energiequelle so rasant gewachsen wie die Solar- und Windenergie. Früher haben viele von uns auch nicht geglaubt, dass Windenergie ein so großes Thema wird. Was damals bestenfalls als mutiger Schritt galt, hat sich heute längst ausgezahlt. Und auch der Ausbau der Batterietechnologie geht mit großen Schritten voran, um Schwankungen der Wind- und Solarenergie auszugleichen.

Hans-Hinrich Schriever: Vor zehn Jahren sah der Strommix in Deutschland noch grundlegend anders aus. Konventionelle Energien dominierten. Fossile Kraftwerke – vor allem Braun- und Steinkohle, ergänzt durch Gas und Atomkraft – deckten 68 Prozent der Stromerzeugung. Seitdem hat sich ein tiefgreifender Strukturwandel vollzogen. Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft verdoppelten ihren Anteil am Strommix in Deutschland. 2025 stammten 62 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, getragen vor allem von Wind- und Solarenergie. 

Hans-Hinrich Schriever
Hans-Hinrich Schriever

Können denn die heutigen Stromnetze bei einem solch massiven Ausbau der regenerativen Energien auch zukünftig mithalten? 

Hans-Hinrich Schriever: In der Zukunft spielen verstärkt neue Geschäftsmodelle eine Rolle, die dezentral und flexibel, intelligent und kleinteiliger sind und fossil geprägte Strukturen ablösen. Dabei spielen der Ausbau der Stromnetze, die Digitalisierung und die Flexibilisierung der Energieinfrastruktur eine bedeutende Rolle und müssen schneller vorankommen. Die Stromnetze sind das Rückgrat der Energiewende. Für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien brauchen wir auch eine entsprechend effiziente und intelligente Netzinfrastruktur, damit das Netz nicht überlastet. Gleichzeitig stärken wir unsere Innovationskraft gezielt in der Modernisierung und Instandhaltung unserer Netze und implementieren sukzessive sinnvolle KI-Prozesse: So erproben wir beispielsweise derzeit den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), um etwaige Hohlfäule in Holzmasten frühzeitig und präzise zu identifizieren. Die KI-Lösung automatisiert und beschleunigt die Prüfprozesse und unterstützt dabei, unnötige Mastaustausche zu vermeiden.

In Deutschland gibt es seit einiger Zeit einen regelrechten Boom beim Ausbau der regenerativen Stromerzeugung. Merken Sie das auch konkret bei der EAM?

Olaf Kieser: Ja, den Solarboom erleben wir bei uns schon seit mehreren Jahren. Im vergangenen Jahr haben wir wieder rund 15.000 EEG-Anlagen an unser Netz angeschlossen, die Energie für den Eigenbedarf erzeugen oder den Ökostrom in unser Netz einspeisen. Aktuell speisen fast 120.000 Erzeugungsanlagen grüne Energie in das Netz der EAM ein. Vor fünf Jahren waren es insgesamt gerade einmal etwa 50.000 EEG-Anlagen. Das zeigt, dass das Thema Energiewende auch bei uns in der Region aktiv in die Hand genommen wird.

Hans-Hinrich Schriever: Eine ähnliche Entwicklung sehen wir aber auch direkt bei uns im Unternehmen: Immer mehr Menschen wollen bei dieser gesellschaftlich hochrelevanten Aufgabe auch bei ihrer täglichen Arbeit direkt mitwirken. In den vergangenen fünf Jahren konnten wir mehr als 500 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen, die sich mit den Zielen der EAM identifizieren und für die das Thema Nachhaltigkeit auch im Beruf eine Rolle spielt. 

Was konkret unternimmt die EAM neben dem Anschluss von EEG-Anlagen, um den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben?

Olaf Kieser: Ein ganz wichtiger Punkt ist und bleibt die Windenergie. Wir betreiben eigene Windkraftanlagen und unterstützen Städte und Gemeinden bei der Planung und Umsetzung von Windenergieprojekten. In diesem Jahr werden wir den Windpark Hopfenberg bei Stadtallendorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf und den Windpark Reinhardswald im Landkreis Kassel in Betrieb nehmen. Zusammen werden die insgesamt 22 Windenergieanlagen pro Jahr rund 350 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen. Damit lassen sich mehr als 115.000 Haushalte mit umweltfreundlich erzeugter Energie versorgen. Zudem haben wir die Genehmigung für den Bau von weiteren vier Windkraftanlagen in der Gemeinde Angelburg im Landkreis Marburg-Biedenkopf und für zwei Windräder bei Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis erhalten. Beide Windparks sollen voraussichtlich im kommenden Jahr in Betrieb gehen. Weitere Projekte sind in Planung.

Hans-Hinrich Schriever: Ein weiteres Beispiel ist die EnergiewendePartner GmbH (EWP), mit der wir Städte, Gemeinden und Landkreise bei der Entwicklung und Umsetzung maßgeschneiderter Energiewendekonzepte unterstützen. Auch hier ist die Entwicklung sehr positiv. Mittlerweile ist die EWP bereits auf 51 Gesellschafter angewachsen – darunter vier Landkreise, zwei Verbandsgemeinden, eine Samtgemeinde, ein Abwasserverband sowie 43 Städte und Gemeinden. Jede Stadt oder Gemeinde erhält ein eigenes, individuell für sie ausgearbeitetes Energiewendekonzept mit einer klaren Ausrichtung auf CO2-Reduktion bzw. CO2-freie Lösungen. Dazu gehören Maßnahmen aus den Bereichen Photovoltaik, Elektromobilität, Nahwärme und Energiesparsanierung für den kommunalen, aber auch den privaten und gewerblichen Bereich. Anschließend unterstützen wir die Kommunen bei der Umsetzung des Konzepts – in Breidenbach im Landkreis Marburg-Biedenkopf haben wir beispielsweise im vergangenen Jahr aus einer Hand den Bauhof energetisch komplett saniert. 

Welche Rolle spielt die Elektromobilität bei der EAM?

Olaf Kieser: Wir haben seit Anfang 2025 bis heute an verschiedenen Standorten in unserem Netzgebiet 47 neue moderne Hochleistungs-Schnellladesäulen aufgestellt. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr mehr als 60 neue öffentliche Ladepunkte errichtet und unseren Bestand stetig erweitert. An unserem Unternehmenssitz in Kassel und mehreren EAM-Standorten stehen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insgesamt etwa 150 Lademöglichkeiten zur Verfügung. Den Ausbau öffentlicher Ladesäulen werden wir auch in diesem Jahr weiter vorantreiben.

Hans-Hinrich Schriever: Darüber hinaus errichten wir spezielle Netzanschlüsse für bewirtschaftete und unbewirtschaftete Autobahnparkplätze und prüfen derzeit, ob und in welcher Form wir größere Ladeparks in Kooperationen mit Speditionen und Busunternehmen in unserem Netzgebiet errichten können. Nicht nur Privatautos, sondern gerade auch die Umrüstung der vielen Lastwagen und Busse auf unseren Straßen auf Elektromobilität wird ein ganz wichtiger Baustein für die Verkehrswende und einer Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 sein. Dafür muss ausreichend Ladekapazität geschaffen werden.

Klimaneutralität bis 2045? Glauben Sie wirklich, dass Deutschland die aktuellen Klimaziele erreichen kann? 

Olaf Kieser: Wir sollten Sie erreichen, denn nur ein dekarbonisiertes Deutschland und Europa werden langfristig wettbewerbsfähig bleiben. Klimaneutralität bis 2045 ist deshalb ein gutes Ziel und ich glaube auch, dass wir es erreichen können. Natürlich ist klar: 80 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien bis 2030 ist ambitioniert. Genauso wie die weitere Elektrifizierung der Industrie, des Verkehrs und auch der Wärme. 

Hans-Hinrich Schriever: Wir sind aber auch Freunde von ambitionierten Zielen. Manchmal sollte man sich schon ein bisschen anstrengen dürfen. Daher sollten wir die Klimaziele auf keinen Fall verwässern.

Vielen Dank für das Gespräch.