
Hochwasser, Waldbrände, Hitzerekorde – die Folgen der Klimakrise sind längst spürbar, in Gottsbüren im vergangenen Jahr auch in Nordhessen. Im Bundestagswahlkampf spielte der Klimawandel gefühlt jedoch eher eine untergeordnete Rolle. Ist alles doch gar nicht so schlimm wie oft behauptet?
Olaf Kieser: Der Klimawandel ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, daran hat sich nichts geändert. Greifbare Konfliktthemen wie Migration oder Inflation erzeugen bei vielen Menschen mehr Resonanz, weshalb der langfristige und komplexe Klimawandel manchmal etwas in den Hintergrund rückt. Das Problem ist: Für Klimaschutz gibt es keine einfachen Lösungen und er geht über eine Legislaturperiode hinaus. Aber der neue Koalitionsvertrag gibt Anlass zu Optimismus. Deutschland hat sich zur Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 bekannt, das steht auch im Grundgesetz. Das bestätigt unsere konsequent nachhaltige Linie bei der EAM.
Hans-Hinrich Schriever: Umfragen zeigen zudem, dass sich eine stabile Mehrheit der Bevölkerung weiterhin für mehr Klimaschutz ausspricht, unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit. Mit Innovationen, Investitionen und dem Ausbau der erneuerbaren Energien können wir Fortschritt schaffen und Deutschland wettbewerbsfähig halten. So erreichen wir Klimaneutralität, sichern unsere Energiesouveränität und garantieren bezahlbaren Strom für die Zukunft.
Oft wird immer noch das Gegenteil behauptet: Klimaschutz bedeute vor allem Verteuerung und gefährde durch hohe Strompreise unseren Wohlstand.
Olaf Kieser: Bei solchen Behauptungen wird leider konsequent ausgeblendet, dass die Klimakrise selbst die größte Bedrohung für unsere Wirtschaft ist. Die Erderwärmung spitzt sich zu, immer mehr CO2 gelangt in die Atmosphäre. Im vergangenen Jahr hat die globale Durchschnittstemperatur erstmals die 1,5-Grad-Schwelle im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erreicht. In Deutschland und Europa gab es Hitzewellen, Überschwemmungen, Ernteausfälle – in den Vorjahren teils sehr schwere Dürren. Die Folgen belasten unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft. Studien zufolge könnte der Klimawandel Deutschland bis zum Jahr 2050 bis zu 900 Milliarden Euro kosten.
Hans-Hinrich Schriever: Allein die Flut im Ahrtal und an der Erft vor knapp vier Jahren hat rund 40 Milliarden Euro gekostet. 30 Milliarden Euro davon haben der Bund und die Länder zur Kostendeckung beigesteuert. Teilt man diesen Betrag durch 83 Millionen und schaut, was das für jeden einzelnen Bundesbürger bedeutet, dann sind das 361 Euro. Noch kann es sich Deutschland leisten, die unversicherten Schäden solidarisch auf die Gesellschaft zu verteilen. Mit zunehmender Häufigkeit und Schadenshöhe steigt aber die Belastung der nachfolgenden Generationen.
Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, damit die Energiewende gelingt?
Olaf Kieser: Komplexe Themen wie die CO2-Bepreisung lassen sich schwer in einfache Botschaften verpacken und werden oft verkürzt oder gar nicht behandelt. Dabei sind Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit kein Widerspruch, im Gegenteil. Investitionen in Klimaschutz und erneuerbare Energien sind nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sehr sinnvoll. Was wir brauchen, sind eine klare und ehrliche Kommunikation der Politik sowie sinnvolle Rahmenbedingungen und Anreize, um in die Energiewende zu investieren und sie voranzutreiben. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der wir uns als Energieversorger natürlich besonders in der Verantwortung sehen.


Ist die Energiewende aus Ihrer Sicht insgesamt bislang eher ein Misserfolg?
Olaf Kieser: Nein, keinesfalls! Die Energiewende kommt voran und ist langfristig auch nicht aufzuhalten, davon sind wir überzeugt. Laut Bundesnetzagentur hat Deutschland im vergangenen Jahr fast 60 Prozent seines Stroms mit Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse produziert. Dahinter steht vor allem ein Solarboom. So viel Ökostrom wie jetzt gab es noch nie in unserem Land.
Gilt diese Entwicklung auch für die EAM?
Hans-Hinrich Schriever: Ja, das erleben wir auch bei uns. Seit geraumer Zeit schon gibt es einen Boom bei den Anschlüssen von EEG-Anlagen. Allein im vergangenen Jahr wurden bei uns wieder 21.000 EEG-Anlagen an unser Netz angeschlossen, die Energie für den Eigenbedarf erzeugen oder den Strom in unser Netz einspeisen. Das zeigt, dass das Thema Energiewende gesamtgesellschaftlich durchaus in die Hand genommen wird. Zum Jahreswechsel haben wir eine besondere Marke geknackt, die den Fortschritt der regionalen Energiewende eindrucksvoll untermauert: Seitdem speisen mehr als 100.000 Erzeugungsanlagen grüne Energie in das Netz der EAM ein. Allerdings stellt uns das als Netzbetreiber aber auch vor große Herausforderungen.
Was bedeutet das konkret?
Hans-Hinrich Schriever: Die Stromnetze sind das Rückgrat der Energiewende. Für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien brauchen wir auch eine entsprechend effiziente und intelligente Netzinfrastruktur, damit der viele erzeugte Ökostrom auch sicher aufgenommen werden kann und das Netz nicht überlastet. Das ist mit hohen Kosten verbunden. Im vergangenen Jahr hat die EAM-Gruppe rund 160 Millionen Euro investiert. Das war erneut ein Rekordwert. Mehr als zwei Drittel davon sind in den Ausbau und den Erhalt der Energienetze geflossen.
Abseits von Anschlüssen der EEG-Anlagen ans eigene Netz – was tut die EAM denn darüber hinaus, um den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben?
Olaf Kieser: Hier ist als ganz wichtiger Punkt der Ausbau der Windenergie zu nennen. Wir betreiben eigene Windkraftanlagen und unterstützen Städte und Gemeinden bei der Planung und Realisierung von Windenergieprojekten. Im vergangenen Jahr haben wir bei Liebenau im Landkreis Kassel einen Windpark mit zwei Windenergieanlagen in Betrieb genommen. Der Park wird über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren rund 24 Millionen Kilowattstunden regenerativen Strom pro Jahr erzeugen. Zudem haben wir die Genehmigung für den Bau von jeweils vier Windenergieanlagen zwischen Stadtallendorf und Neustadt sowie in der Gemeinde Angelburg erhalten, beides im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Allein der Windpark bei Stadtallendorf wird jedes Jahr sauberen Strom für rund 15.000 Haushalte liefern und soll im kommenden Jahr in Betrieb gehen.

Die Windenergie wird aber nicht nur positiv aufgenommen. Beim Bau des Windparks im Reinhardswald geht es seit vielen Jahren schleppend voran. Wird das Projekt jemals fertig?
Hans-Hinrich Schriever: Mittlerweile sind wir auf einem guten Weg! Aktuell werden die Fundamente für die insgesamt 18 Windenergieanlagen errichtet. Wenn ab jetzt alles wie geplant umgesetzt wird, könnte der Windpark voraussichtlich bis Ende 2026 in Betrieb gehen und einen enormen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Mit der grünen Energie aus dem Reinhardswald können dann etwa 105.000 Haushalte beliefert werden.
Olaf Kieser: Bei der Diskussion um die Windenergie muss uns eines klar sein: Eine Energiewende, die man nicht sieht, wird es nicht geben. Und ohne die Nutzung der Windkraft wird sie nicht möglich sein. Wir müssen bereit sein, Windräder und großflächige Solaranlagen im Landschaftsbild zu akzeptieren. Natürlich muss der Ausbau immer mit Augenmaß und im engen Dialog mit den Kommunen und den Bürgerinnen und Bürgern stattfinden – das ist für uns eine Grundregel.
Sie sprechen den Dialog mit den Kommunen an. Mit der EnergiewendePartner GmbH unterstützt die EAM Städte, Gemeinden und Landkreise bei der Entwicklung und Umsetzung maßgeschneiderter Energiewendekonzepte. Wie ist das Interesse der Kommunen an einer Zusammenarbeit?
Olaf Kieser: Auch hier ist die Entwicklung sehr positiv. Mittlerweile sind bereits 37 Kommunen, zwei Landkreise und ein Abwasserzweckverband der EWP beigetreten. Jede Stadt oder Gemeinde erhält ein eigenes, individuell für sie ausgearbeitetes Energiewendekonzept mit dem Fokus auf einem ganzheitlichen Ansatz und einer klaren Ausrichtung auf CO2-Reduktion bzw. CO2-freie Lösungen. Anschließend unterstützen wir die Kommunen bei der Umsetzung des Konzepts, beispielsweise mit Maßnahmen aus den Bereichen Photovoltaik, Elektromobilität, Nahwärme oder einzelnen Wärmelösungen für kommunale Liegenschaften.
Hans-Hinrich Schriever: Besonders erfreulich ist, dass wir bereits zahlreiche Maßnahmen in die Praxis umsetzen konnten. Für den Landkreis Höxter haben wir beispielsweise fünf große PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 446 Kilowatt Peak und entsprechende Speicher installiert. In Kirchhain im Landkreis Marburg-Biedenkopf bauen wir derzeit eine größere PV-Anlage zur Versorgung des örtlichen Schwimmbads. Ebenfalls im Landkreis Marburg-Biedenkopf statten wir aktuell den Bauhof in Breidenbach mit einem Pelletkessel aus. Viele weitere Projekte in Kommunen unseres gesamten Geschäftsgebiets befinden sich auch schon in der Umsetzung.
Sie sprachen eingangs von der Energiewende als Gemeinschaftsaufgabe. Was kann jeder Einzelne von uns zu ihrem Gelingen beitragen?
Olaf Kieser: Jeder Einzelne kann etwas bewirken. Jeder entscheidet für sich, ob er mit Bus, Bahn oder Elektroauto zur Arbeit fährt. Jeder Hausbesitzer entscheidet, ob er eine Wärmepumpe einbauen lässt oder möglichst lange die alte Ölheizung behält. Jeder Mieter entscheidet, ob er einen Ökostromtarif wählt oder nicht. Natürlich geht das nicht immer alles gleichzeitig, und es ist auch nicht für jeden alles finanzierbar. Aber jeder von uns kann alte Gewohnheiten über Bord werfen und seinen Alltag Schritt für Schritt in Richtung Nachhaltigkeit ausrichten.
Hans-Hinrich Schriever: Die vielen aktuellen Krisen auf unserem Planeten machen es manchmal schwer für uns, die Dringlichkeit des Klimawandels nicht zu vergessen. Wir alle müssen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Energiewende entwickeln. Nur dann kann und wird sie funktionieren. Bei der EAM bleibt unser Ansatz optimistisch: Wir richten den Blick nach vorne und arbeiten gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern an einer nachhaltigen Energiezukunft.
Vielen Dank für das Gespräch.



